Gartenschauen sind Schaufenster der grünen Branche. Jahr für Jahr (im Fall der Landesgartenschauen/LAGAs) oder alle zwei Jahre (im Fall der Bundesgartenschau/BUGA) hinterlegen Landschaftsarchitektur und GaLaBau eine Visitenkarte ihres Schaffens in (fast) allen Teilen der Republik. Tatsächlich gibt es bis heute nur vier Bundesländer, in denen noch keine BUGA stattgefunden hat: Bremen, Schleswig-Holstein, Saarland und Sachsen. Letzteres wird sich 2033 ändern, da die sächsische Landeshauptstadt Dresden jüngst den Zuschlag für die BUGA 2033 erhalten hat.
Städtebauliche Tiefenwirkung
Dass die grüne Branche mit BUGAs und LAGAs das Antlitz Deutschlands ganz konkret mitgestaltet, liegt auf der Hand. Bei Gartenschauen entstehen neben den temporären Ausstellungsflächen stets permanente Grünanlagen und Quartiere, von denen auch künftige Generationen profitieren werden. Von dieser städtebaulichen Tiefenwirkung abgesehen, leisten Gartenschauen auch einen Beitrag zum Gemeinwohl der Gegenwart. Gerade in politisch und wirtschaftlich turbulenten Zeiten dienen sie den Menschen als Ruhepol, der farbenfrohe Zerstreuung bietet. So gesehen ist es sicher kein Zufall, dass die diesjährigen Landesgartenschauen in Wangen (Baden-Württemberg) und Kirchheim (Bayern) jeweils nach weniger als vier Wochen ihren 100.000sten Besucher begrüßen konnten. Halten wir also fest: Egal, wie man zu ihren oft exorbitant hohen Kosten steht, Gartenschauen lohnen sich – und haben deshalb zu Recht ihren Platz im Event-Kalender der Republik.
Umso enttäuschender ist es daher, dass es 2025 erstmals in der Geschichte der Gartenschauen keine BUGA geben wird. Andererseits ist die nächste ganz große Leistungsschau bereits in Sicht: Im Frühjahr 2027 wird die Internationale Gartenausstellung (IGA) 2027 Ruhr ihre Tore öffnen und damit das Erbe der IGA 2017 antreten. Diese war mit knapp 1,6 Millionen Besuchern zwar hinter den Erwartungen zurückgeblieben (2 Mio. Besucher waren eingeplant), hat der Hauptstadt aber u.a. mit der Panorama-Plattform „Wolkenhain“ auf dem Kienberg und der Seilbahn zwei permanente neue Tourismus-Highlights beschert. Einen ähnlich nachhaltigen Effekt versprechen sich auch die Macher der IGA 2027 Ruhr.
IGA 2027 dezentral im Ruhrpott
Die Vorzeichen für die IGA im Ruhrpott unterscheiden sich teils erheblich von denen der IGA 2017. Während sich das Event in Berlin an einem Ort im nordöstlichen Randbezirk Marzahn-Hellersdorf abspielte, verfolgt die IGA 2027 ein dezentrales Konzept. In Deutschlands am dichtesten besiedelter Metropolregion wird es Ausstellungsflächen an fünf Standorten geben: Bergkamen/Lünen, Dortmund, Duisburg, Emscherland und Gelsenkirchen. Das klingt erstmal, als müssten Besucher einen recht hohen Aufwand betreiben, um die gesamte IGA zu erleben.
Andererseits: Wer schon mal im Ruhrpott war, weiß, wie nah die Städte dort beieinanderliegen. Ein Zur-Arbeit-Pendeln von Bochum nach Essen kann da durchaus schneller gehen als innerhalb Berlins ins Büro zu kommen. Außerdem wäre der Fokus auf nur eine Stadt eine vertane Chance gewesen – zu stark ist die kollektive Identität des Ruhrpotts. Bei aller Rivalität mancher Städte, etwa im Fußball, ist die gesamte Region stark vom Erbe einstiger Schwerindustrie geprägt – und zugleich Teil eines spannenden Transformationsprozesses, an dessen Ende der Ruhrpott die grünste Industrieregion der Welt sein will. Passend dazu soll für die Gartenausstellung ein Radweg entstehen, der alle IGA-Schauplätze miteinander verbindet.
Trotz – oder gerade wegen – dieser kollektiven „Pott-DNA“ sollen die individuellen Markenzeichen der fünf IGA-Standorte gezielt herausgestellt werden. So lautet das Motto von Bergkamen/Lünen „Bewegung“, da hier aus ehemaligen Halden eine Berg- und Tallandschaft entsteht, die zu sportlicher Aktivität einlädt. Eher geistig geht es im Zukunftsgarten Emscherland zu, der dem Thema „Bildung“ gewidmet ist. Ein Gewässer-Lernort an der Emscher-Promenade soll Besucher über Ökosystemleistungen aufklären. Der Zukunftsgarten Duisburg steht unter dem Motto „Vielfalt“. Zum einen wird der Rheinpark so aufgewertet, dass sich dort eine große biologische Vielfalt tummeln soll. Das Summen der Insekten soll die Begleitmusik für erholsame Stunden auf den Wiesen sein. Zum anderen geht es auch um gesellschaftliche Vielfalt, da der IGA-Standort im Multikulti-Stadtteil Hochfeld liegt. In Gelsenkirchen wird das „Natur-Wasser-Erlebnis“ im Vordergrund stehen, da der Zukunftsgarten im Nordsternpark auf einer Insel zwischen Emscher und Rhein-Herne-Kanal liegt. Das kühle Blau ist hier allgegenwärtig, und diverse Umbaumaßnahmen sollen es noch gezielter erlebbar machen. In Dortmund hat man sich „Innovation“ auf die Fahnen geschrieben. Das Neue ist hier buchstäblich zu verstehen, denn hinter dem Industriedenkmal der Kokerei Hansa entsteht seit einigen Wochen ein neuer Stadtteilpark. Das ist schon ein Alleinstellungsmerkmal – denn alle anderen IGA-Schauplätze bauen auf bereits bestehenden Grünanlagen auf.
Zugegeben: Wir werden uns noch eine ganze Weile gedulden müssen, um all das erleben zu können. Wenn es aber so weit ist und die IGA 2027 ihre Tore öffnet, könnte sie sich als das Branchen-Schaufenster der Dekade erweisen.
hb

